Tierversuchsfreie Forschung

Die Methoden ohne Tierversuche sind vielfältig. Schon heute erzielen sie verlässliche Ergebnisse, sind kostengünstiger als Tierversuche, ethisch vertretbar und für den Menschen relevant.

                    

In-Vitro = Zellkulturen > Diese Systeme arbeiten mit menschlichen Zell- und Gewebekulturen sowie Blut und Mikroorganismen im Reagenzglas., Sie stammen aus chirurgischen Eingriffen oder werden mittels induzierter pluripotenter Stammzellen (siehe unten) erstellt.

Computerprogramme > Komplexe Programme werden mit menschlichen Daten gefüttert und die Wirkung einer Substanz, z.B. ein Herzmedikament, simuliert. Man erhält damit Aussagen über Stoffwechselvorgänge im menschlichen Körper.

Die amerikanische Umweltbehörde EPA und die Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH) haben angekündigt, Chemikalien und andere Stoffe in Zukunft mit automatisierten Zellsystemen und Computermodellen testen zu wollen, weil Tierversuche nicht übertragbar, zu teuer und zu zeitaufwändig sind.

Bildgebende Verfahren > Röntgen, Ultraschall, Computertomographie, Angiographie, Thermographie – diese und weitere bildgebende Verfahren ermöglichen es z.B. Gewebeveränderungen festzustellen und eine genaue Diagnostik festzulegen. Die Verfahren werden gegebenenfalls auch miteinander kombiniert.

Microdosing > Bei dieser Technik wird im Bereich der Arzneimittelforschung eine extrem kleine Dosis eines potenziellen Medikamentes an Freiwillige verabreicht. Die Dosis ist so klein, dass sie bei den Testpersonen keinen Schaden anrichten kann und auch keine pharmakologische Wirkung hat. Mit hochempfindlichen Analysemethoden werden Aufnahme, Verteilung, Verstoffwechslung und Ausscheidung des Stoffes in Blut und Urin gemessen. Die Microdosierung wird auch als „Phase 0 – Studie“ bezeichnet und wird vor der klinischen Phase I (siehe Lexikon) bereits durchgeführt.

IPS > Für induzierte pluripotente Stammzellen gab es 2012 einen Nobelpreis. Mit der IPS-Methode ist es möglich, z.B. menschliche Hautzellen in Stammzellen „zurückzuprogrammieren“. Anschließend kann man sie dazu bringen, sich in unterschiedlich spezialisierte Körperzellen wie Nieren-, Leber- oder Nervenzellen zu entwickeln. Und daraus lassen sich kleine Miniorgane, sogenannte Organoide züchten. Die Forschung ist heute im Stande ein pulsierendes Herz auf einem Chip herzustellen. Generell können heute Substanzen an menschliche Organzellen getestet und die Ergebnisse direkt für den Menschen übernommen werden.

Multiorgan-Chip > Auf einem „Multi-Organ-Chip“, der etwa die Größe eines Smartphones hat, werden mehrere dieser kleinen Organe mit einem blutbahnähnlichen Kreislauf untereinander vernetzt. Verbindet man z.B. Haut, Darm, Leber und Niere und gibt eine Testsubstanz auf die Haut, kann man messen, wie diese aufgenommen und in der Leber verstoffwechselt wird. Oder was für einen Einfluss sie auf die Nieren bzw. den Darm hat. Wissenschaftler wollen einen Schritt weiter gehen und einen personalisierten Chip für einzelne Patienten bauen. Eine große Chance für kranke Menschen, wenn man den Chip mit eigenen Zellen füttern kann, um die angemessene Medikation festzulegen und um schwere Wechselwirkungen von Medikamenten schon im Vorfeld auszuschließen.

Minibrain > Ebenfalls durch Nutzung der IPS-Methode gibt es die Möglichkeit kleine Minigehirne herzustellen. Obwohl erst seit 2013 auf dem Markt hat man damit z.B. die Ursache für Mikrozyphalie herausgefunden. Jahrzehntelang haben Tierversuche hier keine Erkenntnisse gebracht, warum das Gehirn von Kindern mit dieser Erkrankung zu klein bleibt.

Auswertung von Patientendaten > Klinische Patientenstudien, d.h. die Beobachtung des Krankheitsverlaufs und Datenvergleich von kranken und gesunden Menschen liefern wertvolle Informationen um z.B. aussagekräftige Zusammenhänge zu erkennen und zu bewerten. So wurden wesentliche Fortschritte in der Infektionslehre z.B. bei AIDS gemacht. Tierversuche hatten hier keinerlei Einfluss drauf.

Bevölkerungsstudien = Epidemiologie > Mit Untersuchungen an Gruppen von Menschen können die Zusammenhänge zwischen bestimmten Krankheiten und ihren Lebensumständen (Arbeit, Ernährung, Gewohnheiten etc.) aufgedeckt werden. Beispielweise wurden die krebserregenden Eigenschaften von Asbest und Tabakrauch so erkannt. Auch konnten Aspekte der Hygiene so gewonnen werden und führten zu vorbeugenden Maßnamen. In Bevölkerungsstudien konnten auch Bewegungsmangel, fleisch- und fettreiche Ernährung sowie psychosoziale Faktoren als Hauptursachen für Diabetes, Krebs, Schlaganfall, Herzinfarkt, Arteriosklerose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen identifiziert werden. Diese Krankheiten werden auch treffend „Zivilisationskrankheiten“ genannt und sie können verhindert werden, bevor sie entstehen.

Fortschritte in der Medizin beruhen auf diesen tierversuchsfreien Methoden. Die Entwicklung einer neuen Therapie oder Erkenntnis beruht immer auf das Zusammenspiel mehrerer Methoden. Dass der Tierversuch für medizinische Errungenschaften allein verantwortlich ist, kann nicht glaubhaft behauptet werden. Tatsächlich ist es aber so, dass Erkenntnisse aus allen Forschungsbereichen immer nachträglich am Tier getestet werden. Kommt es hier zu einer Übereinstimmung der menschlichen und tierischen Daten, spricht der Tierexperimentator davon, er hätte es im Tierversuch entdeckt. Genaugenommen hätte er den Tierversuch nicht gemacht, wenn es nicht bereits Hinweise auf einen Zusammenhang gegeben hätte. Ein klassisches Beispiel ist hier Insulin.

Unbedingt notwendig ist es, dass die Ergebnisse sämtlicher Forschungen anderen Forschungsgruppen zugänglich gemacht werden müssen und nicht wie bisher üblich unter Verschluss gehalten werden. So werden Forschungen in vielen Bereichen wieder und wieder gemacht und der Erkenntnisgewinn weit verzögert.

Die Geschichte der modernen, tierversuchsfreien Forschung ist noch jung und doch sind die Erfolge groß und nicht von der Hand zu weisen. Trotz geringer finanzieller Förderung sind die Errungenschaften und der Nutzen für den Menschen unverhältnismäßig höher als bei Tierversuchen. Um einen Fortschritt in der Medizin zu erreichen, müssten die Fördergelder verstärkt in diese Forschung gesteckt werden. Stattdessen verpulvern sie seit Jahrzenten in Tierversuchen ohne Ergebnisse. (vgl. Finanzierung/Förderung)

Vielfach wird seitens der Tierversuchsbefürworter argumentiert, Zellkulturen und Organchips reichten nicht aus, da ein Gesamtorganismus benötigt würde. Die Ergebnisse aus dem „Gesamtorganismus“ Maus jedoch, (gehalten in sterilen Plastikkästen und zudem meist genmanipuliert), sind nicht auf den Menschen übertragbar. Dieser lebt in einer extrem abwechslungsreichen Umgebung und ist komplexen Einflüssen ausgesetzt. Es handelt sich zudem bei jedem Tier, egal wie hoch der Verwandtschaftsgrad zum Menschen sein mag, um den falschen Organismus. Damit sind alle gewonnenen Ergebnisse und Erkenntnisse wertlos. Multiorganchips sind auch kein Gesamtorganismus, kommen aber der Situation beim Menschen näher als der Tierversuch, wenn menschliche Zellen verwendet werden.

Wer in seiner wissenschaftlichen Laufbahn Praktikumsplätze oder Stellenangebote sucht, die keine Tierversuche einschließen, findet hier weitere Informationen: www.invitrojobs.com

 

weiterführende Links: 
"Tierversuchsfreie Forschung"
"Forschung ohne Tierleid"
"Vorbeugen ist besser als Heilen"
"Gesundheit und Fortschritt in der Medizin ohne Tierversuche"
Video Multiorganchip
Video Mini-Brains